Wie mich der Jakobsweg Vertrauen lehrte

Inzwischen ist es ein Jahr her, dass ich meinen Weg beendet habe. In 42 Tagen von Hendaye nach Porto, insgesamt etwa 1300 Kilometer. Und nach wie vor ist es eine der großartigsten Erfahrungen, die ich in meinem Leben machen durfte.

Zeit, ein paar Gedanken über Vertrauen zu teilen, die mir auf dem Camino durch den Kopf gingen, denn Zeit den Gedanken freien Lauf zu lassen hat man viel auf dem Jakobsweg. Insbesondere habe ich gelernt darauf zu vertrauen, dass zur richtigen Zeit auch eine Lösung auftauchen wird. Es war nicht immer die Lösung, die ich mir zunächst vorgestellt hatte, jedoch war am Ende immer alles irgendwie gut. Mehr darüber nun in den folgenden Erinnerungen.

Alles zu seiner Zeit

Auf dem Jakobsweg zeigen einem gelbe Pfeile an, wo es als nächstes lang geht. Gerade zu Beginn bemerkte ich häufig, dass ich schon weit vor einer Weggabelung nach dem nächsten gelben Pfeil Ausschau hielt und mir Gedanken darüber machte, welche Richtung ich denn einschlagen werden müsse, oder ob der Weg gar unzureichend markiert sein könnte, und ich mich verlaufen könne. Und jedes Mal, wenn ich wieder damit beschäftigt war, mir Sorgen darüber zu machen, was wohl als nächstes die richtige Entscheidung sein könnte, war ich irgendwann so weit gelaufen, dass aus dem Nichts ein gelber Pfeil auftauchte, der mir anzeigte, welchen Weg ich als nächstes einschlagen musste.

Genauso ist es oft auch im ‚realen Leben‘. Ich neige dazu, mir unglaublich viele Gedanken darüber zu machen, wie ich im Falle eines bestimmten Ereignisses entscheiden soll. In derartige Gedanken fließt oftmals sehr viel Energie, die in den meisten Fällen sinnvoller für andere Dinge eingesetzt wäre. Wenn es dann so weit ist, dass ich tatsächlich in der Situation bin, ist es dann meistens völlig klar, welches der nächste logische Schritt ist und die ganzen Gedanken, die ich mir im Vorfeld gemacht habe, waren mehr oder weniger umsonst. Gleichzeitig ist viel Energie in diese Gedanken geflossen, die mich in dieser Situation nicht weiter gebracht hat. Natürlich hilft es, die Optionen zu kennen. Gleichzeitig beobachte ich doch immer wieder, wie sich Menschen viel zu viele Sorgen über Eventualitäten machen, die tatsächlich nur hypothetisch existieren.

Seit ich vom Jakobsweg zurück bin, gelingt es mir zunehmend besser, darauf zu vertrauen, dass sich schon eine Lösung finden wird, wenn es dafür an der Zeit ist. Ich habe gelernt – und lerne noch immer – dass es oft nicht lohnt, mir zu viele Sorgen zu machen. Und tatsächlich würde ich behaupten, dass ich dadurch zufriedener geworden bin. Und wenn ich mich wieder einmal dabei ertappe, dass ich zu viel über eine Situation nachdenke, die ich letzten Endes zum aktuellen Zeitpunkt noch gar nicht beeinflussen kann, hilft es mir, mir die gelben Pfeile in Erinnerung zu rufen und ich werde direkt ruhiger.

es gibt immer eine Lösung

Direkt an meinem zweiten Tag auf dem Jakobsweg war ich zum ersten Mal in der Situation, dass ich nach 26 km vor einer Herberge stand, die nachmittags bereits vollständig belegt war. Mir wurde gesagt, dass es 12 km weiter eine weitere Herberge gäbe, die garantiert noch Betten frei hätte. Da meine Füße nach 2 Tagen noch ausgeruht waren, entschied ich mich dafür, noch weitere 12 km zu laufen. Als ich jedoch abends um 8 in der Dämmerung die andere Herberge erreichte, stellte sich heraus, dass auch hier alle Betten vergeben waren. Ein Paar aus Deutschland bot an, sich ein Bett zu teilen, jedoch weigerte sich die Herbergsmutter, dies zuzulassen. Am gleichen Tag fand im Nachbarort ein Fest statt. Somit waren auch die Hotelkapazitäten des kleinen Ortes erschöpft. Auf gut Glück hätte ich weitere 5 km zur nächsten Herberge laufen können, allerdings erschien mir dies in der einsetzenden Dunkelheit keine gute Option, da hier telefonisch niemand zu erreichen war. Letzten Endes sah die Lösung für meine recht missliche Lage so aus, dass ich zurück nach San Sebastian fuhr und dort eine weitere Nacht bei dem Couchsurfer übernachtete, der mich schon in der Nacht zuvor gehostet hatte. Am nächsten Morgen setzte ich mich in den Bus und setzte meine Wanderung dort fort, wo ich am Tag zuvor aufgehört hatte. Natürlich war das nicht die Lösung, die ich im Vorfeld als optimal angesehen hatte, jedoch war es eine Lösung, die tatsächlich keine weiteren negativen Konsequenzen hatte. Ähnliches erlebte ich auch in anderen Variationen in den folgenden Nächten. Am nächsten Tag beendete ich meine Etappe früher als am Vortag und bekam das vorletzte Bett in einer anderen Herberge. Hier durfte ich erleben, wie engagiert viele Herbergseltern sind. Die zwei Norwegerinnen, die nach mir ankamen, durften sich ein Bett teilen, ein paar Deutsche durften auf dem Fußboden übernachten, es wurde telefoniert, Busverbindungen heraus gesucht, andere Herbergen angerufen und am Ende des Tages musste niemand draußen schlafen. Sicherlich wurde der eine oder andere Plan durcheinander geworfen, in der Summe fand sich jedoch immer eine Lösung, bei der niemand auf irgendeine Art und Weise zu Schaden kam. Ich könnte die Liste der Dinge endlos fortsetzen, sei es mit weiteren Geschichten über volle Herbergen oder über plötzlich auftauchende regionale Feiertage, an denen alle Restaurants und Supermärkte geschlossen waren, aber dank fürsorglicher Anwohner trotzdem niemand hungrig ins Bett gehen musste. Ich habe hieraus gelernt, flexibler zu reagieren, wenn die Lösung, die ich mir gerade vorgestellt habe, wider Erwarten doch nicht verfügbar ist. Statt mich über die Situation aufzuregen zu schauen, wie eine mögliche Alternative aussehen könnte. Kreativ und flexibel zu sein bei den Lösungsmöglichkeiten und vor allem zu vertrauen, dass es immer eine Lösung geben wird – auch wenn diese vielleicht anders aussieht, als ursprünglich erwartet.

Die Gedanken an die Zeit auf dem Jakobsweg erfüllen mich mit Dankbarkeit. Dankbar für das Vertrauen, das ich dort lernen durfte, die wunderbaren Menschen, die ich dort getroffen habe und all die wundervollen Momente. Der Weg und die Erfahrungen sind Teil meines Lebens geworden und sind auch ein Jahr später noch allgegenwärtig.